Hyperkinetische Störungen stellen eine der häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindesalter dar. Als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/-in hat man daher viele Berührungspunkte mit der Erkrankung. Ich habe in meiner Ausbildung gemerkt, dass der Einstieg in das Thema nicht immer so einfach ist und einige Kinder und Jugendliche sich nicht mit den Materialien aus den Manualen identifizieren können. Insbesondere für Mädchen und für Kinder, die überwiegend verträumt und kaum hyperaktiv sind (ADS), gibt es wenig passende Materialien. In den Beispielen und Arbeitsblättern der Manuale werden überwiegend hyperaktive und regelverletzende Jungen dargestellt. Im Laufe der Ausbildung habe ich daher verschiedene Bücher, Apps, Videos und Online-Materialien ausprobiert und diese mit den klassischen Therapiemanualen kombiniert. Hier möchte ich euch die Materialien zusammen mit einigen Tipps für die psychotherapeutische Behandlung vorstellen.

1. Wodurch kennzeichnen sich ADHS und ADS?

Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) kennzeichnet sich durch Impulsivität, Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsprobleme. Leiden Betroffene überwiegend unter Konzentrationsschwierigkeiten, sind verträumt und wenig hyperaktiv, dann spricht man von ADS. Häufig gehen mit der Erkrankung viele Misserfolgserlebnisse, Schulunlust, Konflikte mit Mitschülern, Lehrern und Eltern, schlechte Noten und ein geringer Selbstwert einher. Sätze, die Kinder mit AD(H)S häufig hören, sind solche wie „Hast du wieder nicht zugehört?“ „Du bist schon wieder als Letzter fertig!“, „Konzentriere dich endlich!“. Betroffene Kinder berichten häufig davon, dass sie ihr Bestes geben und trotzdem immer nur Ärger bekommen. Irgendwann sind sie so frustriert, dass ihnen die Schule gar keinen Spaß mehr macht. Dadurch steigt das Risiko von komorbiden psychischen Erkrankungen wie einer Störung des Sozialverhaltens oder Depressionen. Es ist daher sehr wichtig, die betroffenen Kinder und Jugendliche rechtzeitig zu unterstützen und neben der Arbeit an der Konzentration auch den Selbstwert zu stärken.  

2. Wie sieht die Behandlung von AD(H)S aus?

Die S3 Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ empfiehlt eine multimodale Behandlung, welche psychosoziale (einschließlich psychotherapeutische) und pharmakologische sowie ergänzende Interventionen kombiniert. Dabei sollten die individuellen Symptome der Betroffenen, das Funktionsniveau, die Teilhabe und auch die Präferenzen der Betroffenen und des Umfelds in die Behandlungsplanung mit einfließen. Verhaltenstherapeutische Behandlungen umfassen dabei kindzentrierte Interventionen (z. B. Selbstmanagement, Selbstinstruktionstraining), eltern- und familienzentrierte Interventionen (z. B. Elterntrainings) und kindergarten- und schulzentrierte Interventionen (z. B. Beratung der Lehrer).

3. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

In der Praxis habe ich die Erfahrung gemacht, dass es vielen Kindern unangenehm ist, über ihre Konzentrationsschwierigkeiten und die damit einhergehenden Probleme zu sprechen. Es ist daher nicht immer ganz einfach, einen Zugang zu dem Thema zu finden. Ich habe im Laufe der Ausbildung tolle Materialien kennengelernt, die einen Einstieg in das Thema erleichtern und einen guten Übergang für die empfohlenen Therapiemethoden wie die Strategie- und Selbstmanagementverfahren bieten.

3.1 Hilfreiche Therapiematerialien und -bücher für die Arbeit mit Kindern

Phil, der Frosch

Buchtitel Phil der Frosch

Phil, der Frosch ist ein wunderbares Kinderbuch zum Mitmachen von Hanna Zeyen. Das Buch ist im Rahmen von zwei Seminarveranstaltungen im Fachbereich Psychologie an der Philipps-Universität Marburg 2014/15 entstanden. In dem Buch geht es um einen Frosch Namens Phil. Phil hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, sagt und tut manchmal Dinge, die ihm später leidtun und kann manchmal nur schwer still sitzen. Die Eule Nula begleitet Phil durch das Buch und klärt über das Thema AD(H)S auf. Auf fast jeder Seite befinden sich Übungen zum Mitmachen. Besonders gut gefällt mir die Übung, die Konzentrationsschwierigkeiten in Form eines Bauchtiers zu externalisieren. Phil hat an einigen Tagen das Gefühl, dass er einen Hasen im Bauch hat, so unruhig ist er. Die Kinder können sich an dieser Stelle ihr eigenes Bauchtier überlegen und darüber nachdenken, wann das Bauchtier besonders gerne zu Besuch kommt. Durch das Externalisieren fällt es den Kindern viel leichter, über die Probleme zu sprechen. So erzählen einige Kinder beispielsweise, wann ihr Bauchtier in den Urlaub gefahren ist und wann es besonders aktiv war. Die Kinder lernen, dass sie auch einen Einfluss darauf haben, wie stark ihre Konzentrationsschwierigkeiten sind. Für jede mitgemachte Übung dürfen die Kinder im Buch einen Stern ausmalen. Die Sterne stellen auch eine Art Training dar. Denn je mehr Sterne die Kinder ausmalen, desto besser werden sie darin, ihr Bauchtier zu beherrschen. Wenn alle Sterne ausgemalt sind, erhält das Kind den Titel Weltklasse-Dompteur.

Dieses System übernehme ich auch gerne für die Therapie. Ich habe mir zum Beispiel mit einem Kind verschiedene Superhelden mit Superkräften für die Schule ausgedacht. Ein Superheld hat beispielsweise die Flüchtigkeitsfehler, die das Bauchtier immer wieder einstreut, beseitigt, indem er alle Aufgaben am Ende noch mal überprüft hat. Wir haben dann einen Trainingsplan mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen entworfen, um die Superkräfte zu trainieren. Pro erfolgreicher Trainingseinheit durfte das Kind auch einen Stern ausmalen und hat am Ende des Trainings eine Urkunde verliehen bekommen. Für die Trainingseinheiten lassen sich gut die Übungen aus den klassischen Manualen verwenden.

Lotte, träumst du schon wieder?

Buchtitel Lotte, träumst du schon wieder?

Vorab: Ich bin ein großer Fan der Autoren Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund. Die Bücher der beiden kennzeichnen sich dadurch, dass sie wissenschaftlich fundiert und praktisch orientiert sind. Beide haben die Akademie für Lerncoaching gegründet und veröffentlichen neben Büchern noch Blogartikel und Videokurse und bieten für Fachkräfte und Eltern Weiterbildungen und Seminare an. Falls ihr euch über Themen wie Mobbing, Lernstrategien, AD(H)S, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten, Rechenstörung, Hausaufgabentipps, Prüfungsangst, Referate halten und Prokrastination informieren wollt, empfehle ich die vielseitigen Materialien der Autoren.

2020 haben Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund ein Kinderbuch zum Thema AD(H)S veröffentlich, welches von einem verträumten Hasen Namens Lotte handelt. Lotte ist gedanklich oft in ihrer eigenen Welt und denkt sich viele spannende Geschichten aus. Leider gerät sie durch ihre Verträumtheit in der Schule immer wieder in Schwierigkeiten, weil sie beispielsweise zu langsam arbeitet oder vergisst, die Hausaufgaben aufzuschreiben. Dadurch bekommt sie häufig Ärger von ihrer Lehrerin Frau Fuchs und von ihren Eltern. Eines Tages lernt sie eine Wölfin kennen, die ihr den sogenannten „Wolfsblick“ beibringt. Lotte lernt mithilfe von Achtsamkeitsübungen zwischen dem Tagträumen und dem Wolfsblick zu wechseln. Besonders schön finde ich, dass die Autoren betonen, dass beide Aufmerksamkeitszustände Vor- und Nachteile haben. Das Tagträumen kann sehr hilfreich sein, wenn man Inspirationen für neue Ideen braucht, kreativ ist (z. B. Malen, Basteln), entspannen möchte oder sich Dinge bildlich vorstellt. Der Wolfsblick ist immer dann hilfreich, wenn man sich auf eine Sache fokussieren möchte, wie beispielsweise Hausaufgaben. Auch dieses Buch bietet eine gute Überleitung in das Strategietraining an, denn neben den Achtsamkeitsübungen lernt Lotte auch die klassischen Aufmerksamkeitsstrategien kennen. Hier findet ihr das komplette Zusatzmaterial wie die Achtsamkeitsübungen und einen Stärkendetektiv.

Für Jugendliche: Clever lernen

Buchtitel Clever lernen

Dieses Buch von Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund zum Thema Lernen richtet sich an Jugendliche und enthält viele praktische Strategien. Die Jugendlichen lernen beispielsweise, wie sie ihren perfekten Lernort finden, sich auf Prüfungen vorbereiten oder sich Schulstoff besser merken können. Auch andere Themen wie Prüfungsangst, Fremdsprachen lernen, Motivation und Vorträge werden hier behandelt. Wie immer stellen die Autoren viele Materialien aus dem Buch online zur freien Verfügung. Durch die Vermittlung verschiedener Lernstrategien ist das Buch auch für von AD(H)S betroffene Jugendliche sehr hilfreich.

Aumio

Beispielbild aus der Aumio App für Kinder

Wie eben zum Buch des verträumten Hasen Lotte beschrieben, können Achtsamkeitsübungen die Konzentrationsfähigkeit verbessern und werden häufig in der Behandlung von ADHS eingesetzt. Diese Erfahrung hat auch der Gründer der Aumio App gemacht. Er erfuhr im Psychologiestudium die positiven Effekte von Achtsamkeitsübungen am eigenen Körper und beschloss, Achtsamkeitsübungen in Form einer App als Forschungsprojekt zu entwickeln. Mittlerweile ist daraus eine umfangreiche App geworden, welche Übungen zu verschiedenen Themenschwerpunkten wie z. B. Schlaf, Hyperaktivität, Impulsivität und Angst umfasst. Die App wird aufgrund der nachgewiesenen Wirksamkeit von vielen Krankenkassen bezahlt. Der Astronaut begleitet in der App durch verschiedene Galaxien und führt die Kinder an Entspannung, Meditation und Achtsamkeit heran. Durch die App und die kreaktive Gestaltung wird regelmäßiges Üben für die Kinder erleichtert, sodass Achtsamkeit ein Teil der täglichen Routine werden kann.

Zappel-Zirkus Zacharias

Buchtitel Zappel-Zirkus-Zacherias

Das Buch aus der Reihe „Psychologische Kinderbücher“ richtet sich insbesondere an von ADHS betroffene Kinder, die unter Hyperaktivität und Impulsivität leiden. Die Kinder begleiten den Zirkuselefanten Enno, welcher durch den Zappelfloh Zacharias häufig zappelig und unkonzentriert ist. Der Zirkusdompteur hilft Enno dabei, mit dem Zappelfloh besser umzugehen. Das Buch enthält wie alle Bücher aus der psychologischen Kinderbuchreihe verschiedene Aufgaben zum Mitmachen und wichtige Informationen für Eltern und Angehörige.

3.2 Tipps für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Neben den verschiedenen Therapiematerialien für Kinder und Jugendliche möchte ich euch auch noch ein paar Tipps für die Behandlung vorstellen.

Du bist nicht allein!

Häufig ist es für betroffene Kinder und Jugendliche sehr entlastend zu wissen, dass auch andere Gleichaltrige betroffen sind und ähnliche Schwierigkeiten haben. Das Therapiemanual von Lauth und Schlottke enthält einige Einführungsvideos in die Trainings. Dort ist beispielsweise zu sehen, wie ein Junge verschiedene Aufgaben bearbeitet, die ihm eine Psychologin vorgibt. Der Junge macht dabei viele Fehler und scheint nicht sehr konzentriert zu arbeiten. Die Kinder finden die Videos häufig sehr spannend und stellen viele Rückfragen. Die Videos bieten auch einen guten Anhaltspunkt dafür, sich zum Thema Konzentration auszutauschen. Häufig mache ich an der Stelle ein Mindmap mit den Kindern und überlege mit ihnen, was eigentlich alles zum Thema Konzentration dazugehört. Dann kann man direkt prüfen, welche Bereiche schon gut klappen und wo es noch Schwierigkeiten gibt.
Sehr hilfreich sind auch Gruppenbehandlungen für AD(H)S Betroffene. Die Kinder berichten nach der ersten Gruppenstunde häufig, dass sie gar nicht wussten, dass andere Kinder ähnliche Probleme haben. Neben der Arbeit am Selbstwert kann man in Gruppen auch direkt üben, sich nicht von anderen Kindern ablenken zu lassen. Außerdem haben viele AD(H)S Betroffene Schwierigkeiten in der Gefühlserkennung und werden häufig von anderen Kindern zurückgewiesen. Daher können in der Gruppe auch die Fremd- und Selbstwahrnehmung trainiert und soziale Kompetenzen gestärkt werden.

Das Ablenkmonster zähmen

Man kann die Konzentrationsschwierigkeiten nicht nur in Form eines Bauchtiers externalisieren, sondern auch in Form eines Ablenkmonsters, das den Kindern ablenkende Gedanken ins Ohr flüstert. Die Kinder können sich das oft sehr gut vorstellen und malen ihr eigenes Ablenkmonster. Dann kann man mit den Kindern überlegen, durch welchen Tricks das Ablenkmonster die Kinder ablenkt und was man ihm entgegenstellen kann. Der Gegenspieler kann dann wieder ein Superheld oder Ähnliches sein. Gegen Ende der Therapie kann man mit den Kindern einen Comic darüber malen, wie sie es geschafft haben, dass das Ablenkmonster in der Schule nicht mehr so oft vorbeikommt. Das stärkt das Selbstwirksamkeitsempfinden der Kinder, denn sie erkennen, dass sie selbst einen Einfluss auf ihr Ablenkmonster haben. Das Ziel ist nicht, dass die Kinder gar keine ablenkenden Gedanken mehr haben. Das würde auch gar nicht funktionieren, schließlich schweifen wir alle hin und wieder mit unseren Gedanken ab. Es geht darum, das Gedankenschweifen zu bemerken und wieder zurück zur eigentlichen Aufgabe zurückzukehren. Wichtig ist auch, dass man sich nicht darüber ärgert, schon wieder geträumt zu haben, sondern es einfach bewusst wahrnimmt und weitermacht.

Das Training in den Alltag übertragen

Für den Behandlungserfolg ist es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen die in der Therapie erlernten Strategien auch zu Hause und in der Schule anwenden. Für die Anwendung des Strategietrainings im Alltag lohnt es sich, mit den Kindern für sie ansprechende Motive (z. B. Superhelden) zu finden, die auf den Strategiekarten abgebildet sind. Häufig habe ich die Karten individuell mit den Kindern am Computer zusammengestellt, ausgedruckt und laminiert. Dann konnten die Kinder die Karten mit nach Hause oder (nach Absprache mit Lehrkräften) in die Schule nehmen und dort anwenden. Da die Strategiekarten für die Kinder manchmal den Eindruck von zusätzlicher Arbeit erwecken, kann man das Ganze auch mit einem Verstärkerplan kombinieren.

4 Die Arbeit mit Bezugspersonen

Viele Eltern fragen nach Buchempfehlungen oder Materialien für zu Hause. Natürlich gibt es viele gute Arbeitsblätter in den verschiedenen Therapiemanualen. Wer neben ausgedruckten Arbeitsblättern auch noch Interesse an hilfreichen Online-Materialien hat, dem empfehle ich folgende Materalien / Anwendungen:

4.1 Hilfreiche Materialien für die Arbeit mit Eltern und Lehrkräften

Erfolgeich lernen mit ADHS

Buchtitel Erfolgreich Lernen mit ADHS

Dieses Buch von Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund ist ein Nachschlagewerk zum Thema ADHS für mich geworden. Es enthält viele wissenschaftliche Hintergrundinformationen und praktische Tipps für Eltern. Das Buch ist in verschiedene Problembereiche unterteilt, sodass Eltern für sie relevante Themen nachschlagen und durchlesen können. Die Themen reichen von Zappeln über wirksame Aufforderungen bis zu interessanten Hintergrundinformationen zum Thema Konzentration. Das gesamte Zusatzmaterial zum Buch findet ihr hier zum Download. Die Autoren haben in einem Forschungsprojekt an der Universität Fribourg auch einen Onlinekurs für Eltern entwickelt, der aus 12 Kapiteln besteht. Dieser steht Eltern kostenlos zur Verfügung. Alle 14 Tage erhält man eine E-Mail mit einer Lektion. Im Anschluss an die Lektion gibt es verschiedene Übungen zur Umsetzung und Reflexion. Ich finde den Kurs sehr hilfreich, da die Themen rund ums Lernen und Konzentrieren sehr anschaulich dargestellt werden. Auch Eltern, deren Kinder nicht von ADHS betroffen sind, können von den Lernstrategien profitierien.

ADHS Kids

Die kostenlose App „ADHS Kids“ vom Beltz-Verlag basiert auf dem Elternbuch »Wackelpeter & Trotzkopf« von Manfred Döpfner und Kollegen und richtet sich an Eltern von Kindern mit ADHS. In der App stehen die Menüpunkte Methoden, Umsetzung, Tagebuch und ADHS-Fakten zur Auswahl. Die verschiedenen Erziehungsmethoden wie Loben und Konsequenzen setzen werden ausführlich erklärt, auch mithilfe von Videos. Zur konkreten Umsetzung der Methoden kann aus verschiedenen schwierigen Situationen ausgewählt werden (z. B. Geschwisterrivalität oder Hausaufgabensituation) und individuelle Regeln zum Umgang mit Problemverhalten formuliert werden. Außerdem können konkrete positive und negative Konsequenzen ausgesucht werden. Unterstützt wird die App außerdem mit einer Erinnerungs- und Tagebuchfunktion. Die App bietet viele Vorlagen und Infoboxen, damit die Erziehungsmethoden richtig eingesetzt und umgesetzt werden. Meiner Erfahrung nach macht es Sinn, die genauen Erziehungsmethoden und dem Umgang mit Problemverhalten in Elterngesprächen zu thematisieren und zu konkretisieren. Die App kann dann bei der Integration in den Alltag helfen und Eltern haben die Gelegenheit, bestimmte Themen noch mal nachzulesen oder aufzufrischen.

ADHS Elterntrainer der AOK

Erst kürzlich bin ich auf den ADHS-Elterntrainer der AOK gestoßen. Der ADHS-Elterntrainer basiert ähnlich wie die App ADHS Kids auf dem von Prof. Dr. Manfred Döpfner und Dr. Stephanie Schürmann entwickelten »Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten« (THOP) sowie auf dem Selbsthilfebuch »Wackelpeter & Trotzkopf«. Das Programm unterteilt sich in die Bereiche Verhaltensprobleme lösen, Beziehung zum Kind stärken, Sich selbst nicht vergessen und ADHS – Was ist das?. Alle Module können unabhängig voneinander durchgeführt werden und beinhalten Videos und Aufgaben zum Ausfüllen und Reflektieren. AOK Versicherte erhalten außerdem über eine Hotline Beratung rund um das Thema ADHS.

Blogartikel und Materialien des Elternmagazins Fritz+Fränzi

Das Elternmagazin Fritz+Fränzi bietet (nach einer kostenlosen Registrierung) viele interessante Blogartikel, Interviews und Materialien zum Thema ADHS an. Darunter fällt auch eine 11-teilige Serie rund um das Thema ADHS, in welcher über die Diagnosestellung, Medikamente, Behandlungsmöglichkeiten und andere relevante Themen berichtet wird und auch Betroffene und Eltern zu Wort kommen.

4.2 Tipps für Eltern und Lehrkräfte

Im Folgenden möchte ich noch ein paar Methoden vorstellen, die ich in der Arbeit mit Bezugspersonen als sehr hilfreich erlebt habe.

Verträumte Kinder ins Hier und Jetzt zurückholen

Wenn Kinder sehr verträumt und oft in ihrer eigenen Welt sind, kann man mit den Lehrkräften ausmachen, dass sie die Kinder leicht an der Schulter berühren und sie wieder zur Aufgabe zurückführen. Denn häufig sind die Kinder so in Gedanken vertieft, dass sie auch nicht auf eine Ansprache reagieren, sondern nur auf Körperkontakt. Das muss natürlich vorher mit den Kindern abgesprochen sein. Auch ein anderer Sitzplatz kann dabei helfen, die Ablenkreize zu verringern. Für Eltern gilt ebenfalls, dass sie die Aufmerksamkeit ihrer Kinder am besten dann bekommen, wenn sie sich auf ihre Augenhöhe begeben, sie leicht am Arm berühren und warten, bis das Kind Blickkontakt aufbaut. Dann kann man sich sicher sein, dass das Kind zuhört und mit der Aufmerksamkeit beim Elternteil ist.

Die Hausaufgaben interessanter und schöner gestalten

Die Hausaufgabenzeit ist häufig sehr negativ besetzt und etwas, das Kinder schnell hinter sich bringen wollen. Doch es gibt verschiedene Möglichkeiten, um die Hausaufgabenzeit für Kinder positiver zu gestalten. Manche Kinder finden es zum Beispiel toll, während der Hausaufgaben „Restaurant“ zu spielen. Man kann mit den Eltern und dem Kind ein Menü erstellen, auf dem beispielsweise Getränke und Snacks stehen und das Kind darf sich vor den Hausaufgaben davon etwas aussuchen oder bei den Eltern bestellen. Eine andere Möglichkeit ist, aus den Hausaufgaben eine spannende Quizshow abzuleiten. So kann das Kind sich basierend auf dem gelernten Stoff Fragen für die Familie ausdenken und diese als Quizmaster vorstellen. Das eignet sich auch gut für das Vorbereiten von Klassenarbeiten. Man kann sich mit den Kindern auch wie ein Detektiv überlegen, welche Klausurfragen der Lehrer oder die Lehrerin wohl stellen wird und diese vorher ausarbeiten. Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, den Schulstoff interessanter zu gestalten, sodass die Kinder mehr Freude daran haben und die Hausaufgabenzeit nicht mehr so negativ besetzt ist.

Den Blick auf das Positive richten

Von AD(H)S betroffene Kinder und Jugendliche haben häufig das Gefühl, ausschließlich negative Rückmeldungen zu bekommen. Zu viel negatives Feedback kann sehr frustrierend sein und zu Selbstwertproblemen führen. Es ist daher wichtig, mit Eltern und Lehrkräften zu besprechen, wieder die positiven Seiten in den Vordergrund zu rücken. Dafür eignet sich beispielsweise ein Lob- oder Stärkentagebuch. Hier können Eltern jeden Abend eintragen, was ihnen gut gefallen hat und positiv aufgefallen ist. Das kann auch in Form von Kärtchen sein, die man dem Kind abends aufs Kopfkissen legt und die das Kind in einem Glas oder einer Schachtel sammeln kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Fokus auf den Stärken zu vielen positiven Veränderungen in der Familie führt und auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern stärkt. Häufig erwarten die Kinder, dass nach dem Lob noch die ganzen Dinge aufgezählt werden, die sie falsch gemacht haben und sind dann ganz erstaunt, wenn sie wirklich nur gelobt werden. Besonders gut gefällt mir auch die Detektivaufgabe, in der Eltern über eine Woche lang herausfinden müssen, welche positive Veränderung ihr Kind umsetzt (wird vorher in der Therapie besprochen). Nach einer Woche zählen Eltern oft viele positive Dinge auf, die ihnen während der Woche aufgefallen sind, was für die Kinder unglaublich schön ist. Wie in den Kinderbüchern beschrieben, kann es für Kinder auch sehr wertvoll sein, zu wissen, dass die mit dem ADHS einhergehenden Eigenschaften wie Verträumtheit und ein hoher Bewegungsdrang auch positive Seiten haben. Ausführliche Materialien zum Thema „die Stärken verbergen sich hinter den Schwächen“ findet ihr hier.